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Malteser in Bayern und Thüringen

Ehrenamtliches Engagement

Hier wurden nicht nur Sachspenden, sondern auch Trost verteilt.

Für Brigitte Straubinger aus der Gliederung Deggendorf war es eine Selbstverständlichkeit, vom ersten Tag des Hochwassers an ihren Mitmenschen zu helfen. Sie betreute Menschen aus einem evakuierten Altenheim und organisierte einen Abschnitt des zentralen Sachspendenlagers. Brigitte Straubinger ist 67 Jahre alt, was man bei dieser energiegeladenen Powerfrau wirklich nicht glauben kann. Im Interview schildert sie uns ihre Eindrücke aus der Zeit der Katastrophe.

Frau Straubinger, Sie waren ab dem ersten Tag der Flutkatastrophe dabei. Wie war das für Sie, als sich die Wassermassen ihren Weg nach Natternberg und Fischerdorf gebahnt haben? Kam das sehr plötzlich?
Der erste Tag war gar nicht so überraschend für mich, denn ich bin am Tag vorher nach Sandbach zum Geburtstag meiner Schwägerin gefahren. Auf dem Weg dorthin habe ich die Donau überquert und da habe ich mir schon gedacht: Oh Gott, ist die aber hoch.
Um halb zwölf nachts haben mich dann die Malteser angerufen, dass sie mich am nächsten Tag brauchen, weil sie schon die ersten Menschen evakuiert haben.
Aber das Ausmaß war dann auch für mich sehr außergewöhnlich.

Jetzt wohnen Sie selbst in Metten, das ist nicht allzu weit weg. Kennen Sie persönlich jemanden aus Deggendorf, der vom Hochwasser betroffen ist?
Ich habe aus der Zeit, in der ich mich um die Evakuierten vom Altersheim Niederalteich /Marienthal gekümmert habe, einige kennengelernt. Zum Beispiel einen schwerstbehinderten Mann und seine Frau. Aus Fischerdorf kenne ich natürlich Leute, die sehr schwer betroffen sind. Und das ist natürlich schon extrem schlimm.

Sie hatten gemeinsam mit ein paar anderen Damen einen Abschnitt des Sachspendenlagers in Deggendorf so ein bisschen unter ihrer Ägide. Wo waren Sie während des Hochwassers noch im Einsatz?
Die erste Woche war im Altersheim im Marienthal, das ist nach einer Woche aufgelöst worden. Dann habe ich bei Facebook einen Aufruf des Kreisjugendrings gelesen, was für das Sachspendenlager alles benötigt wird. Und nachdem ich mit Kosmetikhandel tätig bin, habe ich Ware im Wert von rund 800 Euro zur Sammelstelle gebracht. Vor Ort habe ich dann festgestellt, dass die auf alle Fälle noch Unterstützung brauchen. Ich habe dann abgeboten, am nächsten Tag vorbei zu schauen, und mitzuhelfen. Herr Kandler, der Kreisgeschäftsführer der Malteser, ist dann an mich rangetreten, und hat mich gebeten, einen Teil des Sammellagers mit zu organisieren.

Das ist ja jetzt auch keine alltägliche Situation, ein Großprojekt wie dieses von heute auf morgen zu stemmen. Wie war das genau?
Ach, das war ehrlich gesagt einfach normal für alle Helfer. Gegenüber von mir war eine Dame, die hat die Kleiderspenden sortiert. Dafür hat sie sich extra Urlaub genommen. Also ich finde das bewundernswert. Den ganzen Tag in gebückter Haltung Klamotten zusammenlegen und nach Größe ordnen. Das war schon toll. Erschreckend war aber auch festzustellen, dass viele das Sachspendenlager genutzt haben, um ihre Altkleider loszuwerden. Da waren Sachen dabei, die hätte man nicht mal mehr als Putzlumpen verwenden können. Gott sei dank waren das nur ganz wenige schwarze Schafe, die so gehandelt haben.

Für welche „Abteilung“ waren Sie zuständig?
Bei mir gab es Schaufeln, Besen, Handschuhe, Eimer, Farbe und so etwas. Und ich muss sagen, wir als Malteser haben den Bereich sehr gewissenhaft betreut.

„Hilfe den Bedüftigen“, dieser 900 jahre alte Leitspruch der Malteser wurde hier ganz ursprünglich  und greifbar gelebt. Was gab es für eine Reaktion darauf, dass man wirklich versucht, für die Betroffenen etwas zu organisieren und sie zu unterstützen?
Es ist auf alle Fälle positiv aufgenommen worden. Das ist ja alles weg gewesen. Jede Schaufel, jeder Besen wurde benötigt
Wobei, am liebsten wollten die Leute natürlich die neuen Sachen mitnehmen. Also wieder zurückgegebene gebrauchte Sachen wollte dann eigentlich keiner mehr haben.
Aber ich hab es dann so gemacht: zu jeder neuen Schaufel habe ich eine gebrauchte Schaufel mitgegeben. Nach dem Motto: die gebrauchte Schaufel arbeitet ja quasi schon von selbst, die ist ja schon eingearbeitet. Und so habe ich das Gebrauchte auch wieder unters Volk gebracht.

Jetzt ist das Hochwasser unumstritten sehr tragisch. Da gab es bestimmt auch den einen oder anderen Moment, der einem sehr ans Herz gegangen ist?
Da gab es Einige. Eine Frau, die ich schon von der Evakuierung des Altenheims kannte, kam auch ins Sachspendenlager. Sie hat mich damals schon immer als ihren Engel bezeichnet. Als ich sie wieder gesehen habe, bin ich natürlich auf sie zu. Die Frau war ein wenig mit den Nerven am Ende. Ihren Mann musste man gezwungenermaßen in Kurzzeitpflege geben. Als Sie mich gesehen hat und ich mich nach ihrem Mann erkundigt habe, fing sie an, herzzerreißend zu weinen. Sie hat überhaupt nicht mehr gewusst, was sie tun soll. Sie wollte sich nur einen Wasserkocher holen, weil sie bei ihrem Sohn untergekommen ist und sich da eine Tasse Tee machen wollte.
Ich habe sie dann in den Arm genommen und hab sie ausweinen lassen. Danach bin ich mit ihr das gesamte Lager abgegangen. Zu dem Wasserkocher wollte sie noch eine einzelne Tasse mitnehmen. Da hab ich ihr aber schon gesagt, dass Sie nicht so bescheiden sein braucht. Ich hab zu ihr gesagt: ‚Du kommst irgendwann wieder in dein Haus. Da hilft dir eine Tasse und ein Handtuch erst mal gar nichts.’ Ich hab ihr dann gesagt, dass das schon in Ordnung ist, wenn wir sie hier mit den Nötigsten versorgen. Ein weiteres Erlebnis hat mich auch sehr mitgenommen. Eine junge Frau, so um die 40 Jahre alt, steht vor mir. Ganz verschreckt. Ich frag sie, was ich ihr geben kann, wie ich ihr helfen kann. Dann hat die das Weinen angefangen. Ich bin dann gleich über mein Bierbankerl drüber gestiegen und hab sie in den Arm genommen. Ich habe ihr versichert, dass wir alle Zeit der Welt haben. Das war dann der Moment, wo ich selber mitgeweint habe, ist ja klar. Ihre Mama war dabei, die musste auch weinen. Nach einiger Zeit sagt sie: ‚ich habe alles verloren. Ich habe gar nichts mehr. Und jetzt komm ich hier in das Sachspendenlager und sehe die Masse an Sachen und jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich machen soll. Ich bin einfach überrollt von den Eindrücken. Und weiß jetzt nicht, wo ich anfangen soll…’

Zu Ihnen kamen also tatsächlich Leute, die ihre gesamte Existenz verloren haben?
Ja! Anderes Beispiel: Ein junges Pärchen, das kam mal so gegen 17:30 Uhr ins Sachspendenlager, als die extreme Hitzewelle schon hereingebrochen war. Und dann sag ich zu den beiden: ‚meine Güte, sie haben heut aber auch ganz schön schwer gearbeitet, oder?’ Sagt der Mann: ‚ja, ich hab den ganzen Estrich aushauen müssen, weil selbst darunter Wasser gelaufen ist. Und das, obwohl wir erst seit 4 Wochen in dem Haus wohnen. Die ganzen Möbel neu und jetzt ist alles weg.’

Jetzt ist Ihr Engagement alles ehrenamtlich. Ist es denn Entlohnung genug, wenn die Leute einem Dankbarkeit entgegenbringen?
Das ist für mich unheimlich viel wert.

Gab es im Gegensatz zu den tragischen Momenten auch positive Momente, bei denen man spüren konnte, dass die Leute wieder neuen Mut oder neue Hoffnung schöpfen?
Ich finde es bewundernswert, wie die Menschen mit ihrer Situation umgehen. Ich bin jetzt 67 Jahre alt, ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn mir jemand sagt, dass ich mein Haus abreißen muss. Ob ich da den Mut noch mal hätte zum Wiederaufbau -  keine Ahnung!
Letztendlich bleibt es unvorstellbar, was da passiert ist. Ende Juli ist das Sachspendenlager in der Parkgarage aufgelöst worden. Abschließend kann ich sagen: Es waren viele jugendliche Helfer dabei, was ich wirklich bemerkenswert fand. In dieser Zeit sind Freundschaften untereinander entstanden. Auch innerhalb der Malteser habe ich sehr viele neue Leute kennengelernt.  

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